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Abschied

Das Leben ist selten gerecht

Ich hatte ja gedacht, dass die Tierärztin sich irrt. Gut, Mr. Black hatte diesen riesigen Knoten am Hals. Infiltrierter Lymphknoten. Aber er fraß, er war immer noch genau so knurrig und es schien ihm gutzugehen. Trotz einer faustgroßen Geschwulst. Er bekam seine Tabletten, ab und an eine Schmerztablette und führte doch ein gutes Leben bei uns.
Schließlich sagte Frau Doktor L. »Der Tumor ist unvorhersehbar. schnell wachsend. Ich kann keine Prognose stellen. Es kann zwei Monate dauern, oder zwei Jahre.«
So dachte ich: »Versuchs mit positiven Denken!«, und hoffte auf zwei Jahre, schließlich waren wir gut über die zwei Monate gekommen.
Aber Mr. B. kratzte am Geschwür und es nässte. Kragen ging nicht, Maulkorb ging auch nicht mehr und wenn ich versuchte, Desinfektionsmittel drauf zu sprühen, kam die Bestie in B durch.
Am Freitag vor dem Urlaub machte ich deshalb noch einen Termin aus. Ich wollte, dass Frau Doktor sich die Sache noch mal ansah. Vielleicht könnte sie einen Verband anlegen.
Mr. B. stieg ganz friedlich ins Auto ein. Sein Knurren, wenn ich ihn hochhob, war schon lange nur noch pro forma. Er verband inzwischen die Box und Autofahren mit: Leckerli und schönen Spaziergängen. Sogar Tierarzt fand er nicht mehr so schlecht. Schließlich gab es da massenhaft Leckerli.
Leider meinte Dr. L., da sei nichts mehr zu machen. Man müsste die Wunde rasieren, täglich reinigen und das würde ohne Narkose bei seiner Beißfreudigkeit nicht funktionieren. Außerdem würde das Geschwür wohl weiterhin nässen und die Gefahr einer Infektion wäre immer gegeben. So stand ich plötzlich da, mit der Entscheidung, mich zu verabschieden.
Weil es so heiß war, wollte die Ärztin dann die Einschläferung noch auf Montag verschieben. Aber da wollte ich nicht mitmachen. Man stelle sich vor: man nimmt den Hund, der nichts ahnt mit heim, und hat die Gewissheit, dass er drei Tage später eingeschläfert wird.
Also sagte ich: »Entweder jetzt oder nicht.«
Sie telefonierte mit dem Tierheim, die dann die Leiche übers Wochenende kühl zwischenlagern würden.
So saß ich neben B, der eine Menge Leckerli bekam und sich friedlich da durchaß, bis die Betäubungsspritze wirkte. Beim eigentlichen Einschläfern war ich nicht dabei. Da saß ich heulend im Auto und telefonierte mit meinem Bayern. Ich bat ihn, alles wegzuräumen, was an Mr. B. erinnern würde.
Danach fuhr ich ihn, der in einen schwarzen Abfallsack eingepackt worden war – Hygienevorschriften – zurück zum Tierheim, wo ich ihn erst vor knapp sechs Monaten abgeholt hatte.

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